Tradiens Research · Datenessay · Makro
Das Jahr, in dem Aktien und Anleihen zugleich stark fielen
In elf der zwölf Jahre seit 1928, in denen US-Aktien um 10 % oder mehr fielen, verloren Anleihen wenig oder gar nichts; 2022 war die Ausnahme.
Von den zwölf Jahren seit 1928, in denen der S&P 500 um 10 % oder mehr fiel, ist 2022 das einzige, in dem auch zehnjährige US-Staatsanleihen stark verloren.
Nach den Jahreszahlen, die Aswath Damodaran von der Stern School of Business der New York University veröffentlicht, verlor der S&P 500 einschließlich Dividenden zwischen 1928 und 2025 in zwölf Kalenderjahren 10 % oder mehr.[1] Für die Anleiheseite verwendet dieselbe Quelle eine zehnjährige US-Staatsanleihe, deren Ergebnis sie aus der Marktrendite nachrechnet: Es setzt sich zusammen aus dem Zins, den die Anleihe zahlt und der sich nach der Rendite zu Jahresbeginn richtet, und aus der Veränderung ihres Kurses im Lauf des Jahres. In elf dieser zwölf Jahre verlor die Anleihe wenig oder gar nichts: In neun legte sie zu, und in den beiden übrigen, 1931 und 1941, verlor sie höchstens 2,6 %. 2022 dagegen verlor sie 17,8 %, fast so viel wie der S&P 500 mit 18,0 %, und damit ist 2022 das einzige der zwölf Jahre, in dem auch die Anleihe stark verlor.
In zwölf Jahren fielen Aktien um 10 % oder mehr; Anleihen verloren nur 2022 stark.
S&P 500 um 10 % oder mehr gefallen: 12 Jahre alle übrigen Jahre: 86
Der kleine graue Punkt auf der Linie bei −10 %, knapp über null, ist 1966: Der S&P 500 verlor in diesem Jahr 9,97 %, knapp weniger als 10 %, deshalb gehört 1966 nicht zu den zwölf Jahren.
| Jahr | Zehnjährige US-Staatsanleihe, Ergebnis im Kalenderjahr | S&P 500, Ergebnis im Kalenderjahr |
|---|---|---|
| 2008 | +20,1 % | −36,6 % |
| 2002 | +15,1 % | −22,0 % |
| 1957 | +6,8 % | −10,5 % |
| 2001 | +5,6 % | −11,8 % |
| 1940 | +5,4 % | −10,7 % |
| 1930 | +4,5 % | −25,1 % |
| 1973 | +3,7 % | −14,3 % |
| 1974 | +2,0 % | −25,9 % |
| 1937 | +1,4 % | −35,3 % |
| 1941 | −2,0 % | −12,8 % |
| 1931 | −2,6 % | −43,8 % |
| 2022 | −17,8 % | −18,0 % |
S&P 500 einschließlich Dividenden · zehnjährige US-Staatsanleihe, aus ihrer Rendite nachgerechnet: Zins (Kupon) plus Kursveränderung
Jeder Punkt steht für ein Jahr. Wie weit links oder rechts er liegt, zeigt das Ergebnis des S&P 500, seine Höhe das der zehnjährigen US-Staatsanleihe, beides im selben Maßstab. Die zwölf großen Punkte links der Linie bei −10 % sind die Jahre, in denen der S&P 500 um 10 % oder mehr fiel; die Tabelle führt sie auf. In elf davon liegt die Anleihe nahe null oder darüber. Nur 2022 liegt weit unter null, ungefähr so weit unten wie links, weil die Anleihe in diesem Jahr fast so viel verlor wie der S&P 500.
Die Grafik zeigt, worauf sich ein 60/40-Portfolio verlässt. Ein solches Portfolio hält 60 % seines Geldes in Aktien und 40 % in Anleihen; mit dem 60/40-Modellportfolio meinen wir in diesem Text unsere eigene Berechnung eines solchen Portfolios aus Damodarans Jahreszahlen, jeden Januar wieder auf 60 zu 40 gewichtet. Wer so anlegt, setzt darauf, dass die Anleihen Kursverluste der Aktien auffangen, und diese Erwartung kann zweierlei bedeuten. Zum einen kann die Anleihe ein Sicherheitsnetz sein: In einem Jahr, in dem die Aktien einbrechen, verliert sie selbst wenig oder gar nichts von ihrem Wert, und genau das prüft die Grafik an den zwölf Jahren. Zum anderen kann sie ein Gegengewicht sein: Von Monat zu Monat bewegt sie sich tendenziell gegenläufig zu den Aktien, sodass ihr Gewinn in einem schlechten Monat einen Teil des Aktienverlusts ausgleicht, und das zeigen nur Monatsdaten. Beides zusammen nennen wir den Schutz durch die Anleihe. Wir halten die beiden Rollen auseinander, weil die Anleihe 2022 in beiden versagte.
In allen elf Jahren vor 2022, von 1930 bis 2008, hielt das Sicherheitsnetz also, und daraus ergibt sich die Frage, der wir hier nachgehen: Wenn Anleihen die Verluste der Aktien auffangen sollen, warum fielen 2022 beide stark, und warum nannte selbst der Chef des norwegischen Staatsfonds das sehr ungewöhnlich? Eine ältere Idee erklärt, warum eine zweite Anlage überhaupt hilft: Was sie einem Portfolio bringt, hängt davon ab, ob sie meist zur selben Zeit fällt wie die erste. Aufgeschrieben hat diese Idee 1952 ein Ökonom, der sie danach bei seinem eigenen Geld nicht anwandte.
Harry Markowitz zeigte 1952, dass es bei der Diversifikation darauf ankommt, wie sich Anlagen gemeinsam bewegen, und teilte seine eigenen Beiträge zur Altersvorsorge dennoch zu gleichen Teilen auf Anleihen und Aktien auf, um später möglichst wenig zu bereuen.
Der Ökonom war Harry Markowitz, der Aufsatz hieß „Portfolio Selection“ und erschien im März 1952 im Journal of Finance.[2] Markowitz fasste den Gedanken als Regel: „Man muss vermeiden, in Wertpapiere zu investieren, die untereinander hohe Kovarianzen aufweisen.“ Die Kovarianz misst, wie sich zwei Anlagen gemeinsam bewegen; die Regel besagt also, dass sich zwei Anlagen nur dann gegenseitig schützen, wenn sie nicht dazu neigen, zugleich zu fallen.
Nicht lange nach seinem Aufsatz von 1952 musste Markowitz entscheiden, wie er seine eigenen Beiträge zur Altersvorsorge bei TIAA-CREF anlegen sollte. Der Journalist Jason Zweig zitierte ihn 1998 in einem Artikel der Zeitschrift Money: „Ich hätte die historischen Kovarianzen der Anlageklassen berechnen und eine Effizienzgrenze zeichnen sollen. Stattdessen malte ich mir aus, wie sehr ich mich ärgern würde, wenn der Aktienmarkt kräftig stiege und ich nicht dabei wäre – oder wenn er kräftig fiele und ich voll investiert wäre. Ich wollte später möglichst wenig zu bereuen haben. Also teilte ich meine Beiträge fifty-fifty zwischen Anleihen und Aktien auf.“[3]
Die Geschichte ist wichtig, weil eine feste Aufteilung, ob halb und halb oder 60 zu 40, eine Annahme darüber trifft, wie sich Aktien und Anleihen gemeinsam bewegen, statt es zu messen. Markowitz’ Regel betrifft das Gegengewicht, also die Frage, ob sich die Anleihe in der Regel gegenläufig zu den Aktien bewegt, und das lässt sich Monat für Monat prüfen. Ob die Anleihe in einem Jahr, in dem die Aktien einbrechen, wenig oder gar nichts verliert, ob also das Sicherheitsnetz hält, ist eine eigene Frage, die sich nur Jahr für Jahr beantworten lässt. Welche Aufteilung die richtige ist, lassen wir offen; wir fragen, ob das Gegengewicht, auf das sich jede feste Aufteilung verlässt, vorhanden war, und wann. Die monatliche Prüfung zeigt, dass Anleihen vor 2000 oft mitfielen, wenn die Aktien fielen.
Zwischen 1970 und 1999 fielen in etwa der Hälfte der Monate mit fallenden Aktien auch die Anleihen, zwischen 2000 und 2021 in weniger als einem Drittel.
Für diese Prüfung haben wir eine eigene Monatsreihe gebildet, die 1962 beginnt. Die Aktienseite ist der gesamte US-Aktienmarkt einschließlich Dividenden, berechnet aus CRSP-Daten und veröffentlicht in der Kenneth French Data Library; die Anleiheseite ist unsere Monatsreihe der Anleihe: eine zehnjährige US-Staatsanleihe, deren Monatsergebnis wir aus den Monatsendrenditen nachgerechnet haben, welche die Federal Reserve über FRED veröffentlicht.[4][5] Der einfachste Test besteht darin, jeden Monat herauszusuchen, in dem die Aktien fielen, und zu zählen, wie oft auch die Anleihe fiel. Zwischen 1970 und 1999 fielen die Aktien in 139 Monaten, und die Anleihe fiel in 71 davon, also in 51 %; in etwa der Hälfte der schlechten Aktienmonate glich die Anleihe demnach überhaupt nichts aus. Zwischen 2000 und 2021 fielen die Aktien in 93 Monaten und die Anleihe in 27 davon, also in 29 %, das heißt, von 2000 bis 2021 bewegte sich die Anleihe weit häufiger in die Gegenrichtung als zuvor.
Anleihen fielen vor 2000 in der Hälfte der Aktien-Verlustmonate, 2000 bis 2021 in weniger als einem Drittel.
| Zeitraum | Verlustmonate der Aktien | Davon mit Anleiheverlust | Anteil |
|---|---|---|---|
| 1962–69 | 35 | 15 | 43 % |
| 1970–99 | 139 | 71 | 51 % |
| 2000–21 | 93 | 27 | 29 % |
| 2022–26 | 23 | 17 | 74 % |
1962–1969: 43 % (15 von 35 Monaten) · 1970–1999: 51 % (71 von 139) · 2000–2021: 29 % (27 von 93) · Januar 2022 – August 2026: 74 % (17 von 23)
Gezählt nur unter den Monaten, in denen Aktien fielen. Aktien: gesamter US-Markt (CRSP, über die Kenneth French Data Library). Anleihen: zehnjährige US-Staatsanleihe, nachgerechnet aus den FRED-Monatsendrenditen.
Jede Säule steht für einen Zeitraum, und ihre Breite entspricht der Zahl der Monate, in denen Aktien fielen, insgesamt 290; eine schmale Säule beruht also auf wenigen Monaten. Der untere Teil jeder Säule ist der Anteil dieser Monate, in denen auch die Anleihe, Zinsen eingerechnet, im Minus lag; die Linie quer über die Säulen markiert 50 %, also die Hälfte der Monate. Je höher der untere Teil reicht, desto weniger glich die Anleihe die Aktienverluste aus.
Das Zählen schlechter Monate ist leicht zu lesen, übergeht aber, wie groß jede einzelne Bewegung war. Deshalb verwenden wir von hier an zusätzlich ein gängiges Maß, das die Größe berücksichtigt: die Korrelation zwischen der monatlichen Wertentwicklung von Aktien und Anleihen über die 36 Monate bis einschließlich des jeweiligen Monats, im Folgenden Dreijahreskorrelation genannt. Eine Korrelation reicht von −1 bis +1. Ist sie positiv, haben sich beide in diesen drei Jahren tendenziell gleichläufig bewegt, ist sie negativ, tendenziell gegenläufig, wenn auch nicht unbedingt in jedem einzelnen Monat. Berechnet man das Maß jeden Monat neu, entsteht eine Linie, die zeigt, wie sich dieser Zusammenhang im Zeitverlauf verändert. Zur Einordnung der Größenordnung: Für die Monate von 1970 bis 1999 lag unsere Linie im Mittel bei 0,34, und in diesen Jahren fiel die Anleihe in etwa der Hälfte der Verlustmonate der Aktien; für 2000 bis 2021 lag sie im Mittel bei −0,33, und die Anleihe fiel in weniger als einem Drittel davon. Unsere Monatsreihe der Anleihe beginnt 1962, deshalb setzen die Monatszählungen dort ein; eine Dreijahreskorrelation braucht aber Daten aus drei Jahren, und so beginnt die Linie erst im Januar 1965.
1973 und 1974 lagen Anleihen vor Abzug der Inflation noch im Plus, während die Aktien fielen, doch von Monat zu Monat bewegten sich beide tendenziell in dieselbe Richtung.
Die jährlichen und die monatlichen Befunde können einander widersprechen, und die Jahre 1973 und 1974, die einzigen der 1970er-Jahre, in denen der S&P 500 um 10 % oder mehr fiel, zeigen, wie. Nach Damodarans Jahreszahlen verlor der S&P 500 in den beiden Jahren zusammen 36,5 %, während die zehnjährige US-Staatsanleihe im selben Zeitraum vor Abzug der Inflation insgesamt rund 5,7 % brachte. Dass die Anleihe im Plus blieb, liegt daran, woraus sich ihr Ergebnis zusammensetzt. In unserer Jahresreihe fiel der Kurs der Anleihe in beiden Jahren, jeweils um weniger als 5 Prozentpunkte, weil die Renditen stiegen; der Zins, den die Anleihe zahlte, rund 6,5 % im Jahr, war aber in jedem der beiden Jahre größer als der Kursrückgang, sodass die Summe über null blieb.
Die Inflation ist eine eigene Frage, und weder das Sicherheitsnetz noch das Gegengewicht, wie wir die Begriffe hier verwenden, schützt vor ihr. Die Verbraucherpreise stiegen in denselben zwei Jahren um rund 22 %, deshalb verloren nach Abzug der Inflation die Anleihe rund 13 % und unser 60/40-Modellportfolio mehr als ein Drittel.
Die Monatsreihe zeigt, wie wenig die Anleihe die Verluste dieser beiden Jahre dämpfte. Unsere Dreijahreskorrelation war von August 1966 bis August 1974 positiv. In neun von achtzehn Monaten mit fallenden Aktien in den Jahren 1973 und 1974 lag auch die Anleihe unserer Monatsreihe im Minus. Forscher von AQR beschreiben 2023 im Journal of Portfolio Management ein Muster, das sie in den Daten finden, auch wenn ihre Studie diese beiden Jahre nicht gesondert aufschlüsselt: „Wachstumsschocks lassen die Erträge von Aktien und Anleihen in entgegengesetzte Richtungen laufen, Inflationsschocks dagegen in dieselbe.“[6] In den Jahren 1973 und 1974, als die Preise schnell stiegen, hielt also das Sicherheitsnetz, während das Gegengewicht fehlte, und das passt zu diesem Muster.
Aktien und Anleihen bewegten sich jahrzehntelang tendenziell gleichläufig, von 2000 bis 2022 dann tendenziell gegenläufig.
| Phase | Beginn | Ende | Monate |
|---|---|---|---|
| über null | Jan. 1965 | Mai 1965 | 5 |
| unter null | Juni 1965 | Jan. 1966 | 8 |
| über null | Feb. 1966 | Feb. 1966 | 1 |
| unter null | März 1966 | Juli 1966 | 5 |
| über null | Aug. 1966 | Aug. 1974 | 97 |
| unter null | Sept. 1974 | Sept. 1974 | 1 |
| über null | Okt. 1974 | März 1975 | 6 |
| unter null | Apr. 1975 | Apr. 1975 | 1 |
| über null | Mai 1975 | Sept. 1989 | 173 |
| unter null | Okt. 1989 | Dez. 1989 | 3 |
| über null | Jan. 1990 | Okt. 2000 | 130 |
| unter null | Nov. 2000 | Juli 2022 | 261 |
| über null | Aug. 2022 | Aug. 2026 (noch andauernd) | 49 |
Vor 1965 keine eigenen Monatsdaten.
Unsere Berechnung: rollierende Pearson-Korrelation der monatlichen Wertentwicklung über 36 Monate. Aktien: gesamter US-Markt (CRSP, über die Kenneth French Data Library). Anleihen: zehnjährige US-Staatsanleihe mit konstanter Laufzeit, gebildet aus den Monatsendrenditen der FRED-Reihe DGS10. Die Reihe beginnt im Januar 1965.
Für jeden Monat zeigt die Linie die Korrelation über die 36 Monate, die mit diesem Monat enden. Wo die Linie über der Nulllinie liegt, bewegten sich Aktien und Anleihen tendenziell in dieselbe Richtung; wo sie darunter liegt, eher in entgegengesetzte Richtungen. Die beiden kurzen Marken unter der Linie zeigen 1973–74 und 2008, die Jahre, um die es im Text geht. Im Streifen unter der Linie steht jeder Block für eine ununterbrochene Phase über oder unter null und ist so lang, wie sie Monate dauerte; die kürzesten sind etwas breiter gezeichnet, als es ihrer Länge entspricht, damit man sie sieht.
So liest du die Korrelationslinie · 1 von 2
Sieh dir den linken Teil der Linie an, von den späten 1960er-Jahren bis 2000. Er liegt fast die ganze Zeit über der Nulllinie, das heißt, in jedem Dreijahresfenster neigten Aktien und Anleihen dazu, sich in dieselbe Richtung zu bewegen. Die markierten Jahre 1973 und 1974 liegen mitten in dieser Phase. Deshalb glich die Anleihe in diesen Jahren die Verluste in den Monaten, in denen die Aktien fielen, kaum aus, und als Gegengewicht wirkte sie nicht.
Unsere eigene Linie beginnt 1965, doch Studien mit längeren Datenreihen weisen in dieselbe Richtung. Molenaar, Sénéchal, Swinkels und Wang kommen mit US-Daten seit 1875 zu dem Schluss, dass „Phasen positiver Korrelation zwischen Aktien und Anleihen häufiger waren als Phasen negativer Korrelation“, und sie finden auch negative Phasen mit einer Korrelation unter −0,2, „Anfang der 1930er-Jahre, Ende der 1950er-Jahre und während des größten Teils der 2000er-Jahre“.[7] Ein Gegengewicht gab es vor 2000 also durchaus, über einen längeren Zeitraum betrachtet war es aber der seltenere Zustand.
Von November 2000 bis Juli 2022 blieb die Dreijahreskorrelation zwischen US-Aktien und US-Anleihen 261 Monate in Folge negativ, länger als jede andere Phase in unseren Daten, die 1965 beginnen.
Von August 1966 bis Oktober 2000 lag unsere Linie fast durchgehend über null, darunter nur in einem Monat des Jahres 1974, in einem des Jahres 1975 und in den letzten drei Monaten des Jahres 1989. Das änderte sich Ende 2000: Unsere Korrelation wurde negativ und blieb bis Juli 2022 unter null, die mit Abstand längste negative Phase seit Beginn der Linie im Jahr 1965. Jeder Punkt der Linie fasst die drei Jahre zusammen, die in seinem Monat enden; die Phase ist also eine Folge von 261 Messwerten hintereinander, jeder davon negativ, und schon der erste, der für November 2000, reichte bis Ende 1997 zurück. Wie die Monatszählung gezeigt hat, bedeutet diese Phase nicht, dass die Anleihe in jedem Monat stieg, in dem die Aktien fielen.
Was dieses Muster einem 60/40-Portfolio brachte, zeigt das Jahr 2008. Nach Damodarans Jahreszahlen verlor der S&P 500 in diesem Jahr 36,6 %, während die zehnjährige US-Staatsanleihe 20,1 % gewann, weil ihre Rendite fiel und ihr Kurs stieg. Unser 60/40-Modellportfolio verlor 13,9 %: Die Aktienseite drückte sein Ergebnis um 21,9 Prozentpunkte, die Anleiheseite hob es um 8,0, sodass der Gewinn der Anleihe etwas mehr als ein Drittel des Aktienverlusts wettmachte. 2008 hielt also das Sicherheitsnetz, und zugleich wirkte die Anleihe als Gegengewicht: Sie gewann in einem Jahr, in dem die Aktien einbrachen, und die Dreijahreskorrelation war negativ.
So liest du die Korrelationslinie · 2 von 2
Folge nun der Linie dorthin, wo sie im November 2000 unter null fällt. Sie bleibt bis Juli 2022 darunter, mehr als zwanzig Jahre ohne Unterbrechung, und das ist die mit Abstand längste solche Phase in der Grafik. Die Marke für 2008 liegt tief darin. Der Gewinn der Anleihe im Jahr des Aktieneinbruchs passt zu diesem Muster: In diesen zwei Jahrzehnten bewegten sich beide in der Regel gegenläufig, sodass ein schlechter Monat für Aktien oft ein guter für Anleihen war.
Wenn Inflationsnachrichten Aktien und Anleihen in dieselbe Richtung bewegen und Wachstumsnachrichten in entgegengesetzte, dann sollte es für das Gegengewicht darauf ankommen, wie sich die Inflation im Verhältnis zur Konjunktur bewegt. Eine Studie hat genau das untersucht: In einem Arbeitspapier stellen Campbell, Pflueger und Viceira für das zweite Quartal 2001 einen Strukturbruch im Zusammenhang zwischen Inflation und Konjunktur fest.[8] Vor dem Bruch bewegten sich die Inflation und die Produktionslücke, also der Abstand zwischen dem, was die Wirtschaft produziert, und dem, was sie produzieren könnte, tendenziell gegenläufig; danach tendenziell gleichläufig. In ihren Daten, die von 1979 bis 2011 reichen, änderte sich die vierteljährliche Korrelation zwischen Anleihen und Aktien von 0,21 vor dem Bruch auf −0,64 danach. Vereinfacht gesagt: Nach 2001 stieg und fiel die Inflation meist mit der Konjunktur statt gegen sie, deshalb gingen schlechte Nachrichten über das Wachstum in der Regel mit niedrigerer Inflation einher, was Anleihen zugutekommt.
2022 verlor die zehnjährige US-Staatsanleihe 17,8 % und der S&P 500 18,0 %; das Renditeniveau der Anleihe lag zu Jahresbeginn niedrig und stieg dann steil.
2022 hörte die Anleihe auf, als Gegengewicht zu wirken, und im selben Jahr riss auch das Sicherheitsnetz. Es war das schlechteste Jahr der zehnjährigen US-Staatsanleihe in Damodarans Reihe, die 1928 beginnt. Eine unabhängige Reihe, die auf den Daten von Robert Shiller beruht und bis 1872 zurückreicht, zeigt dasselbe.[9] Was eine Anleihe in einem Jahr bringt, ist der Zins, den sie zahlt, plus die Veränderung ihres Kurses. Zu Beginn des Jahres 2022 lag die zehnjährige Rendite bei rund 1,5 %, am Jahresende nach der Tagesreihe der Federal Reserve bei 3,88 %. Ein so starker Anstieg drückt den Kurs einer zehnjährigen Anleihe um weit mehr, als ein Jahr Zins einbringt, und so kam es, dass die Anleihe fast so viel verlor wie der Aktienindex.
Weil der Zins einer Anleihe beim Kauf feststeht, war eine Anleihe, die noch rund zehn Jahre lang den früheren, viel niedrigeren Zins zahlte, weniger wert, sobald neue zehnjährige Anleihen 3,88 % zahlten, und ihr Kurs musste so weit fallen, bis ein Käufer mit ihr die neue, höhere Rendite erzielen würde. In unserer Jahresreihe fiel der Kurs der Anleihe im Lauf des Jahres um 19,3 %, während der Zins 1,5 % beitrug; der Jahresverlust war die Differenz aus beidem. Den Verlust verursacht hat der Anstieg der Renditen, und die niedrige Anfangsrendite bedeutete nur, dass wenig Zins da war, um ihn aufzuwiegen.
Wie die Anleihe als Gegengewicht versagte, zeigen die Monatsdaten. In sieben der acht Monate des Jahres 2022, in denen der US-Aktienmarkt (CRSP-Gesamtmarkt) fiel, lag auch die Anleihe unserer Monatsreihe im Minus. Im August 2022 wurde die Dreijahreskorrelation positiv, und damit endete die negative Phase, die 2000 begonnen hatte.
Für ein 60/40-Portfolio kam beides zusammen. Im 60/40-Modellportfolio, das jeden Januar aus Damodarans Jahreszahlen wieder auf 60 zu 40 gewichtet wird, war 2022 das drittschlechteste Jahr seit 1928, nach 1931 und 1937, mit einem Verlust von fast 18 %; bei anderen Berechnungsweisen fällt der Rang anders aus, wie die Methodik zeigt. Weil das Modellportfolio zu 60 % aus Aktien und zu 40 % aus Anleihen bestand, drückte die Aktienseite sein Ergebnis um 10,8 Prozentpunkte, also um 60 % des Indexverlusts, und die Anleiheseite um 7,1 Prozentpunkte, also um 40 % des Anleiheverlusts; rund zwei Fünftel des Verlusts kamen damit von der Anleiheseite, die ihn eigentlich auffangen sollte. Was dieses Jahr für einen echten Fonds bedeutete, zeigt ein aktienlastiges Portfolio, das seine Zahlen öffentlich vorlegt.
Beim norwegischen Staatsfonds, der rund 70 % seines Geldes in Aktien und 27,5 % in Anleihen hielt, fielen 2022 beide, und sein Vorstandschef nannte das sehr ungewöhnlich.
Der norwegische Staatsfonds, verwaltet von Norges Bank Investment Management, bezeichnet sich selbst als einen der größten Fonds der Welt.[10] Ende 2022 hielt er rund 70 % seines Geldes in Aktien und 27,5 % in Anleihen, den kleinen Rest in nicht börsennotierten Immobilien und in Infrastruktur für erneuerbare Energien; er ist also kein 60/40-Portfolio, beruht aber auf derselben Idee. In seinem eigenen Währungskorb gemessen, verlor der Fonds 2022 14,1 %: Seine Aktien verloren 15,4 %, seine Anleihen 12,1 %. Sein Vorstandschef Nicolai Tangen sagte, der Krieg in Europa, die hohe Inflation und steigende Zinsen hätten „sowohl den Aktien- als auch den Anleihemarkt zur selben Zeit belastet, was sehr ungewöhnlich ist“. Seine Zahlen unterscheiden sich vom 60/40-Modellportfolio in Gewichtung, Währung und Anlagen, deshalb lassen sich die beiden nicht vergleichen. Von den Ursachen, die Tangen nannte, sind die steigenden Zinsen diejenige, die jeder mit öffentlichen Daten selbst zerlegen kann.
Über das gesamte Jahr 2022 stieg die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe um 2,36 Prozentpunkte, und dieser Anstieg entfiel vollständig auf die Realrendite inflationsgeschützter Staatsanleihen.
Tangen sprach allgemein von steigenden Zinsen; wir verengen das hier auf einen einzigen Zinssatz, die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe. Sie ist eine nominale Rendite, also eine Rendite vor Abzug der Inflation, und lässt sich mit Daten, welche die Federal Reserve an jedem Handelstag veröffentlicht, in zwei Teile zerlegen.[5] Der eine Teil ist die Realrendite zehnjähriger TIPS, also inflationsgeschützter US-Staatsanleihen, deren Zahlungen mit den Verbraucherpreisen steigen; ihre Rendite ist deshalb das, was ein Anleger nach Abzug der Inflation verdient. Der andere Teil ist der Abstand zwischen der nominalen Rendite und der TIPS-Rendite; er heißt Break-even-Inflationsrate. Dieser Abstand ist ein Marktmaß für den Ausgleich, den Anleger für die Inflation verlangen, enthält aber auch Risiko- und Liquiditätsprämien; Forscher der Federal Reserve führen allerdings Belege dafür an, dass er „ein brauchbarer Näherungswert für Inflationserwartungen“ ist.[11] Weil die Break-even-Inflationsrate als genau dieser Abstand definiert ist, ergeben die beiden Teile zusammen immer die nominale Rendite, und deshalb zeigt die Zerlegung, welcher Teil sich bewegt hat, aber nicht, warum.
2022 stieg die zehnjährige Rendite um 2,36 Punkte, die Realrendite um 2,62.
| Reihe | 31. Dezember 2021 | 30. Dezember 2022 |
|---|---|---|
| Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe | 1,52 % | 3,88 % |
| Realrendite zehnjähriger TIPS | −1,04 % | 1,58 % |
| Break-even-Inflationsrate (Höchststand 3,02 % am 21. April) | 2,56 % | 2,30 % |
Gezeigt sind nur Tage mit veröffentlichter Rendite; Wochenenden und die elf Werktage ohne Wert nehmen keinen Platz ein.
Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe: 1,52 % → 3,88 % · Realrendite zehnjähriger TIPS: −1,04 % → 1,58 % · Break-even-Inflationsrate: 2,56 % → 2,30 %, Höchststand 3,02 % am 21. April
Board of Governors of the Federal Reserve System (DGS10, DFII10) und Federal Reserve Bank of St. Louis (T10YIE), über FRED. Die Break-even-Inflationsrate ist per Definition die nominale Rendite minus die TIPS-Rendite.
Die Oberkante des Bandes ist die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe, die Unterkante die Realrendite zehnjähriger TIPS, beide in Prozent. Die Breite des Bandes ist die Break-even-Inflationsrate, und deshalb ergeben Realrendite und Break-even-Inflationsrate an jedem Tag zusammen die zehnjährige Rendite. Verschiebt sich das Band nach oben, ohne breiter zu werden, ist die Realrendite gestiegen; wird es breiter, ist die Break-even-Inflationsrate gestiegen. Die drei kurzen Maßlinien zeigen die Breite des Bandes, nicht den Stand einer der beiden Renditen, und zwar zu Jahresbeginn, an seiner breitesten Stelle am 21. April und am Jahresende.
Über das gesamte Jahr 2022, vom letzten Handelstag 2021 bis zum letzten des Jahres 2022, stieg die zehnjährige Rendite um 2,36 Prozentpunkte. An denselben Tagen stieg die Realrendite um 2,62 Punkte, von −1,04 % auf 1,58 %, und die Break-even-Inflationsrate fiel um 0,26 Punkte, sodass die Realrendite stärker stieg als die zehnjährige Rendite insgesamt.
So liest du das Renditeband · 1 von 2
Vergleiche die beiden Enden des Bandes: links den letzten Handelstag 2021, rechts den letzten des Jahres 2022. Die Oberkante, die zehnjährige Rendite, stieg um 2,36 Punkte, die Unterkante, die Realrendite, um 2,62; die Realrendite kletterte also weiter als die Rendite, deren Teil sie ist. Möglich ist das nur, weil das Band am Ende etwas schmaler ist als am Anfang: Die beiden äußeren Maßlinien zeigen 2,56 und 2,30. Über das gesamte Jahr entfiel der Anstieg der zehnjährigen Rendite also vollständig auf die Realrendite.
Diese Aussage über das ganze Jahr gilt nicht für jeden Abschnitt des Jahres, denn die Jahreszahlen verdecken eine Wende im Frühjahr. Vom Jahresende 2021 bis zum 21. April 2022 stieg die zehnjährige Rendite um 1,38 Punkte, und 0,46 davon entfielen auf die Break-even-Inflationsrate, die einen Höchststand von 3,02 % erreichte; in diesen Monaten ging also rund ein Drittel des Anstiegs auf die Inflationskomponente zurück. Nach dem 21. April stieg die zehnjährige Rendite um weitere 0,98 Punkte, sodass 1,38 und 0,98 zusammen den Anstieg des ganzen Jahres ergeben; in diesen späteren Monaten fiel die Break-even-Inflationsrate um 0,72 Punkte, während die Realrendite um 1,70 stieg. Über das ganze Jahr lag die Break-even-Inflationsrate am Ende also 0,26 Punkte tiefer, aber dorthin kam sie, indem sie bis zum 21. April stieg und danach fiel. Die Aussage, die Inflationserwartungen seien 2022 gesunken, beschreibt deshalb nur die Monate nach dem 21. April, und auch diese nur, soweit die Break-even-Inflationsrate mit ihren Prämien überhaupt Erwartungen misst.
So liest du das Renditeband · 2 von 2
Sieh dir nun den 21. April 2022 an, wo das Band am breitesten ist: Die Maßlinie dort zeigt 3,02, den Jahreshöchststand der Break-even-Inflationsrate. Zwischen dem Jahresbeginn und diesem Tag stiegen beide Kanten, und das Band wurde breiter; ein Teil des Renditeanstiegs in diesen Monaten ging also auf die Inflationskomponente zurück. Nach dem 21. April steigt die Unterkante, die Realrendite, stärker als die Oberkante und erreicht Anfang November ihren Jahreshöchststand, deshalb wird das Band zum Jahresende hin schmaler. Wegen dieser Wende lässt sich eine Aussage über das ganze Jahr nicht als Aussage über jeden seiner Monate lesen.
Hinzu kommen zwei Fakten aus demselben Jahr: Die US-Verbraucherpreise lagen im Juni 2022 um 9,1 % über dem Vorjahresstand, die höchste Rate des Jahres, und die Federal Reserve hob die Obergrenze ihres Zielbands für kurzfristige Zinsen zwischen März und Dezember in sieben Schritten an. Dass der Anstieg über das ganze Jahr auf die Realrendite entfiel, ist vereinbar mit der Lesart, dass die Märkte eine höhere Realrendite verlangten, während die Fed die Obergrenze ihres Zielbands von 0,25 % auf 4,50 % anhob. Die Daten passen zu dieser Lesart, beweisen sie aber nicht, weil die Break-even-Inflationsrate nur unvollkommen misst, was Anleger erwarteten.
Auf die Aktien lässt sich derselbe Anstieg nur als Bewertungsüberlegung übertragen: Höhere Realrenditen senken auch den heutigen Wert künftiger Gewinne, und das würde die Aktienkurse zur selben Zeit drücken wie die Anleihekurse. Wir behaupten nicht, dass dies den Rückgang des S&P 500 im Jahr 2022 erklärt, denn nichts in unseren Daten zerlegt diesen Rückgang in Ursachen. Was die Renditedaten zeigen, zusammen mit den zwei Jahrzehnten negativer Korrelation davor, stützt genau eine allgemeine Aussage und nicht mehr: Anleihen federn Aktienverluste tendenziell ab, wenn die schlechten Nachrichten das Wachstum betreffen; geht es um steigende Realrenditen, können beide fallen.
Die Dreijahreskorrelation zwischen US-Aktien und US-Anleihen ist seit August 2022 positiv und war es im August 2026, dem jüngsten Monat in unseren Daten, noch immer.
Ob die Anleihe seit 2022 wieder als Gegengewicht wirkt, lässt sich bis August 2026 prüfen. Die Dreijahreskorrelation wurde im August 2022 positiv und ist seitdem in jedem Monat positiv geblieben. Eine positive Korrelation bedeutet, dass sich die Anleihe in jedem der jüngsten Dreijahresfenster eher mit den Aktien bewegt hat als gegen sie; als Gegengewicht hat sie also nicht gewirkt. Ihren höchsten Wert nach 2022 erreichte die Korrelation mit 0,67 im Dezember 2024, seither liegt sie niedriger, doch im August 2026, dem jüngsten Monat in unseren Daten, betrug sie noch 0,45. Zwischen Januar 2022 und August 2026 fiel der US-Aktienmarkt in 23 Monaten, und die Anleihe unserer Monatsreihe lag in 17 davon ebenfalls im Minus, also in 74 %; darin enthalten sind die acht Verlustmonate des Jahres 2022, in sieben davon fiel auch die Anleihe. Dieser Anteil ist höher als zwischen 1970 und 1999, als er bei etwa der Hälfte lag. Innerhalb des Zeitraums, den wir messen können, hat die Anleihe seit 2022 nicht wieder als Gegengewicht gewirkt, und ob oder wann sie es wieder tut, kann die Reihe nicht sagen.
Studien legen nahe, dass sich Anleihen vor allem dann gegenläufig zu Aktien entwickeln, wenn eher das Wachstum als die Inflation für Überraschungen sorgt; ihr Schutz hängt also von den Umständen ab, und ob er bislang gewirkt hat, lässt sich an den Daten ablesen.
Im Modell der AQR-Forscher hängt es von zwei Umständen ab, ob die Anleihe als Gegengewicht wirkt. Der erste ist, ob eher das Wachstum oder die Inflation für Überraschungen sorgt. Der zweite ist, ob die Inflation mit der Konjunktur steigt und fällt oder gegen sie, und genau hier liegt der Strukturbruch, den Campbell, Pflueger und Viceira für 2001 finden. Zum ersten Umstand stellen die AQR-Forscher fest, dass in den beiden Jahrzehnten vor 2022 die Unsicherheit über das Wachstum die über die Inflation überwog, und das ist die Lage, in der sich Anleihen in ihrem Modell in der Regel gegenläufig zu Aktien bewegen. 2022 kam der Druck von der Inflation und von steigenden Zinsen, wie es der Chef des norwegischen Fonds ausdrückte; genauer, gemessen an der Renditezerlegung, entfiel der Anstieg der zehnjährigen Rendite über das ganze Jahr auf die Realrendite. Vor dem Hintergrund der zwei Jahrzehnte davor passt Tangens „sehr ungewöhnlich“ zu den Daten: Die Korrelation war in diesem ganzen Zeitraum negativ gewesen, und ein Jahr, in dem beide stark fielen, lief deshalb dem Muster dieser gesamten Zeit zuwider.
In unserer Jahresreihe beantwortet eine einfache Rechnung die Frage nach dem Sicherheitsnetz: In sechs der übrigen elf Jahre (1930, 1940, 1957, 2001, 2002 und 2008) stiegen die Anleihekurse, und zwar bei fallenden Renditen. In drei Jahren (1937, 1973 und 1974) fielen die Kurse, doch der Zins, den die Anleihe zahlte, machte das mehr als wett. In den beiden übrigen, 1931 und 1941, verlor die Anleihe 2,6 % und 2,0 %. 2022 betrug der Zins 1,5 %, und der Kurs fiel um 19,3 %. Rechnerisch schloss die Anleihe das Jahr also immer dann mit einem Gewinn ab, wenn ihr Kurs stieg oder der Zins den Kursrückgang überwog; 1931 und 1941 deckte der Zins etwa die Hälfte des Rückgangs, 2022 weniger als ein Zehntel. Warum sich die Renditen in jenen früheren Krisenjahren so bewegten, sagen unsere Quellen nicht, und deshalb bleiben wir bei der Rechnung und gehen nicht weiter.
Beide Antworten haben Grenzen. Unsere Korrelationslinie beginnt 1965, deshalb kennen wir die Rolle der Anleihe als Gegengewicht vor diesem Jahr nur aus den zitierten Studien; und das Sicherheitsnetz beruht auf zwei Jahresreihen, der von Damodaran und einer aus Shillers Daten gebildeten, die für 2022 übereinstimmen, aber nicht für jedes andere Jahr. Innerhalb dieser Grenzen stützen die Befunde den Gedanken, den Markowitz 1952 aufschrieb: Was eine zweite Anlage einem Portfolio wert ist, hängt davon ab, wie sie sich mit der ersten bewegt. Eine feste 60/40-Aufteilung setzt voraus, dass sich die Anleihe gegenläufig zu den Aktien bewegt, wenn es darauf ankommt, und die Dreijahreskorrelation zeigt Monat für Monat, ob diese Annahme in den jeweils zurückliegenden drei Jahren zugetroffen hat. Im August 2026 hatte sich diese Annahme über die drei Jahre davor noch immer nicht bestätigt.
Methodik
Jahreszahlen, die Anleihe und das 60/40-Modellportfolio. Unsere Berechnung aus den Jahreszahlen von Aswath Damodaran (NYU Stern, Ausgabe Januar 2026): 60 % S&P 500 mit Dividenden und 40 % eine zehnjährige US-Staatsanleihe mit konstanter Laufzeit, jeden Januar wieder auf 60 zu 40 gewichtet, vor Kosten und Steuern. Es handelt sich nicht um die Wertentwicklung eines Fonds.[1] Die Anleihe ist die aus ihrer Rendite nachgerechnete Wertentwicklung einer zehnjährigen US-Staatsanleihe: der Kupon plus die Kursveränderung. Der Kupon, im Text Zins genannt, ist die Rendite zu Jahresbeginn auf eine gedachte Anleihe. Für die Renditen der Jahre 1928–1952 nennt Damodaran keine Quelle. Für 1953–1998 verwendet er die durchschnittliche Rendite im Dezember als Jahresendrendite. Rechnet man mit der letzten Tagesrendite des Jahres auf FRED nach, beträgt die Wertentwicklung der Anleihe 2022 −17,7 % statt −17,8 %, und kein Rang im Text ändert sich. Für 2025 verwenden wir seine Tabellendatei, heruntergeladen am 4. Oktober 2026; sie weicht leicht von der Tabelle auf seiner Website ab, und keine Aussage im Text stützt sich auf 2025. Werte nach Abzug der Inflation sind um die US-Verbraucherpreise bereinigt, Dezember zu Dezember (BLS CPI-U, nicht saisonbereinigt, über FRED). Wir geben seine Zahlen auf 0,1 Prozentpunkte gerundet wieder und bieten sie nicht zum Herunterladen an.
Die zwölf Jahre und woraus sich das Ergebnis der Anleihe jeweils zusammensetzte. Die Schwelle von 10 % ist eine Konvention und gilt vor dem Runden: 1966, als der S&P 500 9,97 % verlor, gerundet 10,0 %, gehört nicht zu den zwölf. Bei einer Schwelle von 8 % kommen sieben weitere Jahre hinzu, darunter 1966; nur eines davon, 1969, weist einen Anleiheverlust auf, und zwar von 5,0 %, und 2022 steht weiterhin allein. Eine Gegenprobe auf Basis der Daten von Robert Shiller, die mit monatlichen Durchschnittskursen und damit einem anderen Jahresfenster arbeitet, ergibt eine andere Gruppe von zwölf Jahren, und auch dort ist 2022 das einzige mit einem großen Anleiheverlust.[9] Die Tabelle zerlegt das Ergebnis der Anleihe unserer Jahresreihe in jedem der zwölf Jahre in Zins und Kursveränderung, in Prozentpunkten; jeder Wert ist einzeln gerundet, deshalb geht eine Zeile nicht immer genau auf.
| Jahr | Zins | Kursveränderung | Summe |
|---|---|---|---|
| 1930 | 3,4 | +1,2 | +4,5 |
| 1931 | 3,2 | −5,8 | −2,6 |
| 1937 | 2,6 | −1,2 | +1,4 |
| 1940 | 2,4 | +3,1 | +5,4 |
| 1941 | 2,0 | −4,0 | −2,0 |
| 1957 | 3,6 | +3,2 | +6,8 |
| 1973 | 6,4 | −2,7 | +3,7 |
| 1974 | 6,7 | −4,8 | +2,0 |
| 2001 | 5,1 | +0,5 | +5,6 |
| 2002 | 5,1 | +10,1 | +15,1 |
| 2008 | 4,0 | +16,1 | +20,1 |
| 2022 | 1,5 | −19,3 | −17,8 |
Welchen Rang 2022 einnimmt. In unserem 60/40-Modellportfolio ist 2022 vor Abzug der Inflation das drittschlechteste Jahr seit 1928; in der aus Shillers Daten gebildeten Berechnung steht es auf Rang fünf, und deshalb nennen wir den Rang im Text nur zusammen mit der Berechnungsweise. Nach Abzug der Inflation gehören 1974, 1937 und 2022 in jeder Berechnung, die wir geprüft haben, zu den vier schlechtesten Jahren des Modellportfolios seit 1928; ob 1974 oder 2022 an erster Stelle steht, hängt von den Daten ab und davon, wie man die Inflation misst. In der Tabelle ist Rang 1 das schlechteste Jahr des Modellportfolios nach Abzug der Inflation, 1928–2025.
| Berechnung | 1974 | 1937 | 2022 |
|---|---|---|---|
| Damodaran, Verbraucherpreise Dezember zu Dezember | 1 | 3 | 2 |
| Damodaran, durchschnittliche Verbraucherpreise des Kalenderjahres | 3 | 2 | 1 |
| Shiller, Verbraucherpreise Dezember zu Dezember | 1 | 2 | 4 |
In der Shiller-Berechnung steht 1946 auf Rang drei.
Die Korrelation und die Monatszählungen. Unsere Berechnung: rollierende Pearson-Korrelation der monatlichen Wertentwicklung über 36 Monate. Aktien: gesamter US-Markt (CRSP, über die Kenneth French Data Library). Anleihen: zehnjährige US-Staatsanleihe mit konstanter Laufzeit, gebildet aus den Monatsendrenditen der FRED-Reihe DGS10. Die Reihe beginnt im Januar 1965.[4][5] Jeder Monat ist der letzte Monat seines Fensters. Wir veröffentlichen nur Kennzahlen, die aus den CRSP-Werten abgeleitet sind, nie die Monatswerte selbst. Ein anderes Fenster oder Spearmans Rangkorrelation ergibt andere Zahlen. Zur Kontrolle: Über 36-Monats-Fenster gemittelt, weicht unsere Reihe um höchstens 0,02 von den durchschnittlichen Korrelationen ab, die Molenaar und Mitautoren für 1970–1999 und für 2000 bis Juni 2023 angeben.[7] Ihr Bild seit 1875 beruht auf Monatsdaten, die der kommerzielle Anbieter Global Financial Data unter Lizenz verkauft; deshalb zitieren wir ihre Ergebnisse und rechnen sie nicht nach.
Die Renditezerlegung 2022. Board of Governors of the Federal Reserve System (DGS10, DFII10) und Federal Reserve Bank of St. Louis (T10YIE), über FRED. Die Break-even-Inflationsrate ist per Definition die nominale Rendite minus die TIPS-Rendite. Die Zerlegung ist deshalb eine Definitionsgleichung und kein Test.[5] Forscher der Federal Reserve halten fest, dass „eine im Zeitverlauf schwankende Inflationsrisikoprämie die Deutung der TIPS-Break-even-Inflationsrate erschwert“; ihre Stichproben enden vor 2022, deshalb nennen wir für 2022 keine Größenordnung.[11] Die Tabelle datiert jede Anhebung des Fed-Zielbands im Jahr 2022 (DFEDTARU) so, wie FRED sie verzeichnet, nämlich einen Tag nach dem Beschluss.
| Datum 2022, wie von FRED verzeichnet | Obergrenze des Zielbands |
|---|---|
| Jahresbeginn | 0,25 % |
| 17. März | 0,50 % |
| 5. Mai | 1,00 % |
| 16. Juni | 1,75 % |
| 28. Juli | 2,50 % |
| 22. September | 3,25 % |
| 3. November | 4,00 % |
| 15. Dezember | 4,50 % |
Kennzeichnungen und Auslassungen. Von uns berechnet: das 60/40-Modellportfolio, die Inflationsraten und alle Werte nach Abzug der Inflation, die Zweijahreswerte für 1973–74, alle Ränge, die Renditeveränderungen, die Korrelation, die Monatsanteile und die Aufteilung des Anleiheergebnisses in Zins und Kurs. Von der Quelle ausgewiesen: Damodarans Jahreszahlen, die Daten der Federal Reserve und des BLS sowie die Zahlen von NBIM, die im Währungskorb des Fonds angegeben sind. Aussagen zur Geschichte des 60/40-Portfolios, die wir in keiner Primärquelle bestätigen konnten, haben wir weggelassen. Die Zitate haben wir aus dem Englischen übersetzt; die Originale stehen in den genannten Quellen.
Quellen
- Aswath Damodaran, „Historical Returns on Stocks, Bonds and Bills“, NYU Stern,
histretSP.xls, Ausgabe Januar 2026 (heruntergeladen am 4. Oktober 2026). - Harry Markowitz, „Portfolio Selection“, The Journal of Finance 7(1), März 1952, 77–91.
- Jason Zweig, „Investing Lessons from America’s Top Pension Fund“, Money, Januar 1998, vom Autor wiederveröffentlicht in „What Harry Markowitz Meant“, jasonzweig.com, 2. Oktober 2017.
- Kenneth R. French Data Library, Fama/French Research Factors, monatlich („created using the 202608 CRSP database“). Copyright Eugene F. Fama und Kenneth R. French.
- Board of Governors of the Federal Reserve System: DGS10, DFII10, DFEDTARU; Federal Reserve Bank of St. Louis: T10YIE; US Bureau of Labor Statistics, Consumer Price Index for All Urban Consumers, nicht saisonbereinigt (CPIAUCNS); alle über FRED, Federal Reserve Bank of St. Louis.
- Brixton, Brooks, Hecht, Ilmanen, Maloney und McQuinn (AQR), „A Changing Stock–Bond Correlation: Drivers and Implications“, The Journal of Portfolio Management 49(4), 2023.
- Molenaar, Sénéchal, Swinkels und Wang, „Empirical Evidence on the Stock–Bond Correlation“, Financial Analysts Journal 80(3), 2024, 17–36, doi:10.1080/0015198X.2024.2317333 (CC BY 4.0).
- Campbell, Pflueger und Viceira, „Macroeconomic Drivers of Bond and Equity Risks“, NBER Working Paper 20070, April 2014, überarbeitet August 2018.
- Robert J. Shiller,
ie_data.xls(Online-Daten), nur als unabhängige Gegenprobe verwendet. - Norges Bank Investment Management, „Negative returns in a challenging year“, Pressemitteilung, 31. Januar 2023; Government Pension Fund Global, Annual Report 2022; nbim.no, „About the fund“ (Sicherung im Internet Archive vom 6. Februar 2023).
- D’Amico, Kim und Wei, „Tips from TIPS: the informational content of Treasury Inflation-Protected Security prices“, Federal Reserve Board, Finance and Economics Discussion Series 2008-30 und 2014-24 (Zusammenfassungen).
So zitierst du diesen Essay
Tradiens Research. (2026). Das Jahr, in dem Aktien und Anleihen zugleich stark fielen (Version 2.0). Tradiens Data Essays. https://tradiens.com/de/essays/death-of-60-40
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