Die ganze Zeit
$7,27 +627 %
Tradiens Research · Datenessay · Aktien
Es scheint selbstverständlich, dass Aktien ihr Geld verdienen, während der Markt geöffnet ist, denn nur dann wird an der Börse gehandelt, und nur dann sieht man, wie sich der Kurs bewegt. Für SPY, einen Fonds, der die 500 großen US-Unternehmen des Index S&P 500 abbildet, sagen die Daten von 1993 bis 2020 etwas anderes: Der Gewinn entstand zwischen dem Börsenschluss am Abend und der Eröffnung am nächsten Morgen, und die Handelsstunden gaben, alle zusammengenommen, einen Teil davon wieder ab. Wenn die Rendite nachts kam, warum konnte dann niemand einfach nur nachts Aktien halten und die Rendite einstreichen?
Scrolle weiter zu den vier Arten, den Fonds zu halten
Eine Studie aus dem Jahr 2008
In einem auf 2008 datierten Arbeitspapier untersuchten drei Finanzwissenschaftler, Michael Cliff, Michael Cooper und Huseyin Gulen, die Aktienrisikoprämie, also die Mehrrendite, die Aktien gegenüber einer sicheren Anlage als Lohn dafür abwerfen, dass man ihr Risiko trägt. Ein Arbeitspapier ist eine Studie, die Forscher untereinander austauschen, bevor eine Fachzeitschrift sie begutachtet hat. Ihr Befund lautete, in ihren eigenen Worten, die Aktienrisikoprämie in den USA gehe im zurückliegenden Jahrzehnt „ausschließlich“ auf die Renditen über Nacht zurück, während die Renditen tagsüber „nahe null und manchmal negativ“ gewesen seien. Welches Jahrzehnt gemeint ist, sagt die Zusammenfassung des Papiers nicht.
Dass sich eine Rendite überhaupt der Nacht zurechnen lässt, liegt daran, dass jeder Handelstag in zwei Teile zerfällt. Der Nachtabschnitt reicht vom Schlusskurs eines Tages bis zum Eröffnungskurs des nächsten, der Tagesabschnitt von diesem Eröffnungskurs bis zum Schluss. Weil der Tagesabschnitt genau dort beginnt, wo der Nachtabschnitt endet, erhält ein Anleger, der die Aktie durch beide Abschnitte hindurch hält, beide Renditen, und diese multiplizieren sich zum Ergebnis des ganzen Tages. Kennt man also zwei der drei Ergebnisse, folgt das dritte aus ihnen.
Siebenundzwanzig Jahre eines Fonds
Ein Jahrzehnt ist ein kurzer Zeitraum, doch für SPY gibt es dieselbe Zerlegung über 27 Jahre. SPY ist der SPDR S&P 500 ETF, ein börsengehandelter Fonds. Seine Anteile werden wie eine Aktie an der Börse gekauft und verkauft, deshalb gibt es für ihn an jedem Handelstag einen Eröffnungs- und einen Schlusskurs. 2020 zerlegte Matthew Bartolini, Leiter von SPDR Americas Research bei State Street Global Advisors, dem Emittenten von SPY, die Kursgeschichte des Fonds von Januar 1993 bis Januar 2020 in ihre Nächte und ihre Tage, und zwar in einem Gastbeitrag auf dem Blog der Investmentfirma Alpha Architect.
SPY nur über Nacht zu halten, hätte mehr gebracht, als ihn die ganze Zeit zu halten.
Jedes Feld beginnt mit $1. „Über Nacht“ heißt: zum Schluss kaufen und zur nächsten Eröffnung verkaufen.
Nachts gehalten
Nachts nicht gehalten
Tagsüber gehalten
Die ganze Zeit
$7,27 +627 %
Nur tagsüber
$0,89 etwa −11 %
eigene Rechnung: 7,27 ÷ 8,17
Tagsüber nicht gehalten
Nur nachts
$8,17 +717 %
Weder noch
$1 bleibt $1
per Definition; ohne Zinsen gerechnet
Nur nachts × nur tagsüber = die ganze Zeit: 8,17 × 0,89 = 7,27. Jeder Teilstrich verdoppelt das Geld.
Jeder Balken beginnt bei $1 (¢ steht für US-Cent); gefüllt dargestellt ist die Zahl der Quelle, umrandet unsere Rechnung aus ihren beiden Zahlen (7,27 ÷ 8,17 − 1, Kursrendite, vor Kosten).
Die beiden Arten, den Fonds zu halten, landeten in genau der umgekehrten Reihenfolge, die die meisten Anleger erwarten würden. Jeder Balken in der Grafik beginnt bei $1; vergleiche das Feld „Nur nachts“ mit dem Feld „Die ganze Zeit“. Wer zu jedem Schlusskurs gekauft und am nächsten Morgen zu jedem Eröffnungskurs verkauft hätte, hätte 717 % gewonnen, aus jedem Dollar wären also 8,17 Dollar geworden; wer dagegen einmal gekauft und einfach gehalten hätte, hätte 627 % gewonnen, aus jedem Dollar wären 7,27 Dollar geworden. Beides ist allein auf den Kurs und vor Handelskosten gerechnet.
Die Tage
Sieh dir jetzt „Nur tagsüber“ an. Dieser Balken ist umrandet, weil er unsere eigene Rechnung ist und keine Zahl der Quelle: Er ergibt sich aus den beiden anderen, wie die Zeile unter der Grafik zeigt (8,17 × 0,89 = 7,27). Weil die Nächte allein besser abschnitten als das Ganze, können die Tage zusammengenommen nur etwas abgezogen haben. Teilt man das Ergebnis des Haltens durch das der Nächte, bleibt für die Tage ein Verlust von etwa 11 % (unsere Rechnung aus den beiden Zahlen der Quelle; Kursrendite, vor Kosten). Die Quelle nennt zwar auch eine eigene Zahl für die Tage, doch ihre drei Zahlen gehen in dieser Multiplikation nicht auf, deshalb lassen wir diese Zahl weg.
Forscher haben zwei Teilerklärungen dafür vorgeschlagen, warum die Handelsstunden schlechter abschnitten als die Nächte: einen zu hoch getriebenen Eröffnungskurs bei viel beachteten Einzelaktien und einen Abschlag zum Börsenschluss im Markt als Ganzem. Keine der beiden beziffert den Verlust, den SPY tagsüber machte.
Man könnte daraus leicht schließen, die Nacht habe fast jeden Tag gewonnen, doch der Vergleich Tag für Tag zeigt, wie weit das von der Wirklichkeit entfernt ist.
Tag für Tag
Bartolini verglich außerdem jede Nacht mit dem Handelstag, der auf sie folgte: Die Bewegung vom Schlusskurs am Montag bis zur Eröffnung am Dienstag stellte er der Bewegung von der Eröffnung bis zum Schluss am Dienstag gegenüber. In diesem Vergleich lag die Nacht an 53 % der rund 6.800 Handelstage der Datenreihe vorn, also nur wenig häufiger, als sie zurücklag. Von einem Tag zum nächsten war die Nacht deshalb kein verlässlicher Gewinner.
Auch der Unterschied an einem typischen Tag war winzig: Im Median brachte eine Nacht 0,05 %, und ein Tag verlor 0,04 %. Ein so kleiner Unterschied wächst mit der Zeit trotzdem stark an, weil jeder Tag auf dem aufbaut, was die Tage davor hinterlassen haben; der kleine Vorsprung vervielfacht sich so Tag für Tag. Über die Handelstage von 27 Jahren wurde aus ihm die Lücke zwischen den beiden Endsummen. Das Überraschende liegt also im Zinseszinseffekt und nicht darin, wie oft die Nacht gewann. Der Zinseszins machte die Summe allerdings nicht sicherer als die täglichen Unterschiede, aus denen sie entstand: Der statistische Test der Quelle selbst konnte den Zufall als Erklärung für den durchschnittlichen täglichen Unterschied zwischen Nacht und Tag nicht ganz ausschließen.
Innerhalb des Zeitraums wurde der Vorsprung zudem schwächer. Bis Ende 2002, das die Quelle als Ende der Dotcom-Blase ansetzt, schlug die reine Nachtstrategie das einfache Halten in fast zwei Dritteln aller Einjahreszeiträume, gleich an welchem Tag sie begannen, danach nur noch in etwa einem Drittel; der Vorteil der Nacht schwand also schon in den 2000er-Jahren. Im Index blieb der Vorteil klein und ungleichmäßig, eine einzelne Aktie dagegen zeigt, wie weit Nacht und Tag bei derselben Zerlegung auseinanderklaffen konnten.
Eine einzelne Aktie
Im Juni 2022 veröffentlichte Victor Haghani, der Gründer der Investmentfirma Elm Wealth, gemeinsam mit Vladimir Ragulin und Richard Dewey dieselbe Zerlegung für Einzelaktien, und einer ihrer Fälle war die Kinokette AMC. Ihr Zeitraum für AMC reicht von Anfang 2019 bis gegen Ende Mai 2022.
Wer AMC in diesen dreieinhalb Jahren zu jeder Eröffnung gekauft und zu jedem Schluss verkauft hätte, hätte 99,6 % seines Geldes verloren. Wer die Aktie nur über Nacht gehalten hätte, hätte 30.000 % gewonnen, was aus jedem Dollar 301 Dollar macht.
Wer AMC nur tagsüber hielt, hätte 99,6 % verloren; wer die Aktie nur nachts hielt, hätte das 300-Fache des Einsatzes gewonnen.
Nur über Nacht gehalten$301, +30.000 %
Start bei $1
0,1¢1¢10¢$1$10$100$1.000Nur tagsüber (Eröffnung bis Schluss)0,4 Cent übrig, −99,6 %
Jeder Teilstrich steht für das Zehnfache seines linken Nachbarn; das Zeichen ¢ steht für US-Cent. Ein Gewinn von 30.000 % lässt $1 auf $301 anwachsen (den Dollar selbst und 300 weitere). Die Balken zeigen, wo $1 am Ende stand, und keinen Verlauf über die Zeit. Für das Halten rund um die Uhr nennt der Text der Quelle in diesem Zeitraum keine Zahl.
Eine zehn Jahre früher veröffentlichte Studie hilft zu erklären, wie eine viel beachtete Aktie tagsüber verlieren kann, was sie nachts gewinnt. Berkman, Koch, Tuttle und Zhang untersuchten die größten US-Aktien von 1996 bis 2008 und stellten fest, dass sich die Käufe von Privatanlegern in Aktien, die deren Aufmerksamkeit erregt hatten, auf die Zeit rund um die Eröffnung konzentrierten, was den Eröffnungskurs im Vergleich zum Rest des Tages in die Höhe trieb. Bei den am stärksten beachteten Aktien brachte die durchschnittliche Nacht 13 Basispunkte, also 0,13 %, und der durchschnittliche Tag verlor genauso viel.
Die Elm-Autoren halten das für die plausibelste Erklärung bei Aktien wie AMC. Nach ihrer Auffassung entscheiden Privatanleger, was sie handeln wollen, während der Markt geschlossen ist, und geben ihre Orders zur Eröffnung auf, was den Eröffnungskurs in die Höhe treibt. Trifft das zu, lässt ein zu hoher Eröffnungskurs die Nacht um genauso viel besser und den folgenden Tag schlechter aussehen, ohne dass irgendjemand reicher wird, und das würde die beiden AMC-Zahlen weit auseinandertreiben.
Die Elm-Autoren argumentieren, dass dieser Effekt über das Gewicht der viel beachteten großen Unternehmen auch den ganzen Index erreichen könnte. Für den Index schlägt jedoch eine Studie, die die Federal Reserve Bank of New York veröffentlicht hat, eine andere Erklärung vor, und die dreht sich um eine einzige Stunde.
Eine einzige Stunde
Um zu sehen, wann in der Nacht die Rendite kam, griffen Boyarchenko, Larsen und Whelan in einem Staff Report der Federal Reserve Bank of New York auf S&P-500-Futures zurück, die als E-Minis bekannten Kontrakte. Ein Future dieser Art ist eine Vereinbarung über den Wert des Index zu einem festgelegten künftigen Termin, die in bar abgerechnet wird, und diese Kontrakte werden seit Ende der 1990er-Jahre fast 24 Stunden am Tag gehandelt, sodass sich ihr Kurs Stunde für Stunde verfolgen lässt. Ihre Daten reichen von 1998 bis 2020.
Die Stunde von 2 bis 3 Uhr nachts New Yorker Zeit brachte im Schnitt 3,7 % im Jahr, die ganze Nacht 3,6 %. Eine einzige Stunde kann so viel bringen wie die ganze Nacht, weil sich die übrigen Nachtstunden, manche im Plus und manche im Minus, zusammen ungefähr auf null summierten. Es handelt sich um Jahresdurchschnitte, gemessen an den Futures und auf andere Weise als die Endsummen für SPY.
Gemessen am ganzen Tag von einem Schluss zum nächsten, der 5,9 % im Jahr brachte, lieferte diese Stunde mehr als 60 % des Ganzen. Ein Zufall einiger guter Jahre war das auch nicht, denn die Stunde lag in 20 der 23 Jahre der Datenreihe im Plus.
Eine der vierundzwanzig Stunden brachte so viel wie die ganze Nacht zusammen.
2 bis 3 Uhr nachts New Yorker Zeit
pro Jahr, allein aus dieser einen Stunde
Die ganze Nacht, 16:15 bis 9:30 Uhr
Der ganze Tag, von Schluss zu Schluss
durchschnittliche Rendite pro Jahr, vor Kosten
Alle drei Balken stehen auf derselben Skala. Die übrigen Nachtstunden kamen zusammen auf etwa null, deshalb kann eine einzige Stunde so viel bringen wie die ganze Nacht. Die Studie nennt auch den Durchschnitt jeder anderen Stunde; die meisten sind klein, einige negativ.
Die Erklärung der Autoren, die sie ausdrücklich als Argument vortragen, beginnt beim Börsenschluss. Wenn spät am Tag die Verkäufer die Käufer überwiegen, nehmen Marktmacher, also Handelsfirmen, die jederzeit zu Kauf und Verkauf bereitstehen, den Verkäufern die ungewollten Kontrakte ab, aber nur zu einem Preis, der weit genug gesenkt ist, um sie dafür zu entschädigen, dass sie die Position über Nacht halten. Dieser gesenkte Preis wird zum Schlusskurs des Tages, und so gibt der Tag ein wenig ab, was sich die Nacht zurückholt, sobald sich der Kurs erholt. Das passt zu ihren Befunden: Nach einem Tag mit starkem Verkaufsdruck fiel die Erholung in der Nacht kräftig aus, nach einem Anstieg deutlich schwächer. Der Mechanismus verschiebt einen Teil der Rendite vom Tag in die Nacht, macht den Tag aber nicht zum Verlust, denn bei diesen Futures brachten die Handelsstunden noch immer etwa 2,3 % im Jahr, die 5,9 % des ganzen Tages abzüglich der 3,6 % der Nacht.
Warum sich der Kurs nach einem Ausverkauf gerade in dieser Stunde erholt, dafür bieten die Autoren einen Hinweis, aber keinen Beweis. Die Stunde fällt, wie sie anmerken, ungefähr mit dem Handelsbeginn in Europa zusammen, wenn das Handelsvolumen sprunghaft steigt, und sie vermuten, dass die Marktmacher, die am Abend die ungewollten Positionen übernommen haben, diese dann an neue Käufer weitergeben können, sodass sich der Kurs genau dann erholt.
Was es kostet, zweimal am Tag zu handeln
Zu wissen, wann die Rendite kam, legt einen Plan nahe, nämlich nur nachts im Markt investiert zu sein, und Bartolini testete ihn an SPY mit der Regel, zu jedem Schlusskurs zu kaufen und zu jedem Eröffnungskurs zu verkaufen. Das bedeutete zwei Orders an jedem Handelstag, rund 500 im Jahr, und jede Order verursachte zweierlei Kosten: eine Provision für den Broker und den Spread (Geld-Brief-Spanne), also den Abstand zwischen dem Preis, zu dem man in einem bestimmten Moment kaufen kann, und dem etwas niedrigeren Preis, zu dem man verkaufen kann.
Der Test rechnete Spread und Provision in voller Höhe ein. Der Kaufpreis wurde um den gesamten Spread des jeweiligen Tages und um eine geschätzte Provision von einem Cent je Aktie erhöht, der Verkaufspreis um dieselben Beträge gesenkt. Mit den damaligen Handelskosten endete die Nachtstrategie, die 717 % gewonnen hatte, 32 % unter ihrem Ausgangswert. Das ist ein Backtest, also eine Rechnung, die auf vergangenen Kursen durchgespielt wird, und kein Verlust, den irgendjemand verbucht hat.
Mit den damaligen Handelskosten hätte „Nur nachts“ bei $0,68 geendet.
Jedes Feld beginnt mit $1. „Über Nacht“ heißt: zum Schluss kaufen und zur nächsten Eröffnung verkaufen.
Nachts gehalten
Nachts nicht gehalten
Tagsüber gehalten
Die ganze Zeit
$7,27 +627 %
Nur tagsüber
$0,89 etwa −11 %
eigene Rechnung: 7,27 ÷ 8,17
Tagsüber nicht gehalten
Nur nachts
$8,17 +717 %
$0,68 −32 %
mit den damaligen Handelskosten (Backtest)
Weder noch
$1 bleibt $1
per Definition; ohne Zinsen gerechnet
Nur nachts × nur tagsüber = die ganze Zeit: 8,17 × 0,89 = 7,27. Jeder Teilstrich verdoppelt das Geld.
Jeder Balken beginnt bei $1; gefüllt dargestellt ist die Zahl der Quelle, umrandet unsere Rechnung aus ihren beiden Zahlen. Der zweite Balken unter „Nur nachts“ ist ihr Backtest mit den damaligen Handelskosten, kein Verlust, den jemand verbucht hat.
Die Kosten fraßen den Ertrag auf, weil sie ungefähr so groß waren wie er und jeden Tag anfielen. Rechnet man von den beiden Endergebnissen der Quelle zurück, lagen die durchschnittlichen Kosten der zwei Trades einer Nacht nach unserer Rechnung etwas über dem, was eine durchschnittliche Nacht einbrachte. Kosten, die etwas höher sind als der durchschnittliche Gewinn und an jedem Handelstag anfallen, wachsen durch den Zinseszins genauso zu einem Verlust an, wie der kleine Vorsprung zu einem großen anwuchs.
Weil die Quelle mit den Spreads ihres eigenen Zeitraums rechnete, und das nach Kostenregeln, die in beide Richtungen danebenliegen können, lässt sich ihr Ergebnis nicht auf die heutigen Handelskosten übertragen.
Ein Test mit anderen Annahmen, an einem anderen Instrument und in einem anderen Zeitraum, weist in dieselbe Richtung. Für 2004 bis 2020 berechneten die Autoren der Fed-Studie eine Strategie, die den E-Mini an jedem Handelstag um 2 Uhr nachts kaufte und um 3 Uhr verkaufte. Auf dem Papier war sie vor Kosten im Schnitt profitabel und nach Zahlung des Spreads im Schnitt verlustbringend. Eine Provision, die beim echten Handeln noch hinzugekommen wäre, erwähnt ihre Tabelle nicht.
Das war eine Rechnung; 2022 probierte jemand die Idee mit echtem Geld aus.
Ein Fonds, der es versuchte
Der NightShares 500 ETF mit dem Börsenkürzel NSPY, dessen Anlageberater AlphaTrAI Funds war, wurde im Juni 2022 erstmals gehandelt und bot die Nachtidee der Öffentlichkeit als Fonds an. Tagsüber hielt er sein Geld in bar und in kurzlaufenden US-Staatsanleihen, und am Abend kaufte er S&P-500-Futures, sodass er sich nachts fast eins zu eins mit dem Index bewegte und tagsüber außerhalb des Aktienmarkts stand.
Sein Jahresbericht an die Securities and Exchange Commission, die US-Börsenaufsicht, deckt nur die ersten elf Monate bis Ende Mai 2023 ab. In dieser Zeit verlor der Fonds nach Gebühren 7,20 %, während der Index S&P 500 um 11,15 % stieg; er blieb also um mehr als 18 Prozentpunkte hinter dem Markt zurück, dem er folgte.
Die Darstellung der Fondsmanager im selben Bericht erklärt, woher die Lücke kam. Sie hatten den Fonds aufgelegt, um den Nachteffekt abzuschöpfen, den sie „eine gut erforschte Quelle von Überrenditen“ nannten, und nach ihrer Lesart lief das Jahr andersherum: Die Märkte waren tagsüber stark, die Nachtrendite insgesamt negativ, und ihr Fonds verpasste konstruktionsbedingt die Gewinne des Tages.
Im Juli 2023 beschloss der Verwaltungsrat (Board of Trustees) des Fonds auf Empfehlung von AlphaTrAI, ihn zu schließen, und die Unterlagen nennen keinen anderen Grund. Sein letzter Handelstag war der 31. Juli, dreizehn Monate nach dem Start; danach sollte der Fonds abgewickelt und das verbliebene Geld an seine Anteilseigner ausgezahlt werden. Ein zweiter NightShares-Fonds, der nachts ein größeres Engagement im Index halten sollte als tagsüber, wurde einen Monat später geschlossen.
Der echte Nachtfonds verlor in elf Monaten 7,20 %, während der S&P 500 um 11,15 % stieg.
13 Monate vom Start bis zum letzten Handelstag
Beide Balken stammen aus dem Jahresbericht des Fonds, für dieselben elf Monate.
Wie viel von diesem Rückstand auf die Kosten zurückging und wie viel darauf, dass sich das Muster umkehrte, ist nicht bekannt. Im Ergebnis stecken die Zinsen, die der Fonds auf seine Staatsanleihen erhielt, ebenso wie seine Gebühren und Handelskosten, und die Unterlagen trennen weder diese Posten noch die beiden Ursachen. Ein Test des vorangegangenen Backtests ist der Fonds ebenfalls nicht, denn er handelte ein anderes Instrument, in anderen Jahren, zu anderen Kosten.
Die Autoren der Fed-Studie maßen später, was in den Jahren rund um den Fonds, von 2021 bis 2025, aus ihrer Stunde geworden war.
Nach 2020
Im Juli 2026 kamen dieselben Autoren in einem Beitrag auf Liberty Street Economics, dem Blog der New Yorker Fed, auf die Stunde zurück und betrachteten dafür Januar 2021 bis Dezember 2025. Sie stellten fest, dass die Rendite zwischen 2 und 3 Uhr in diesem Zeitraum „nahe null“ gelegen hatte und dass dasselbe für die Futures auf den Nasdaq-100 und den Dow galt. Im Rückblick schrieben sie, die Schließung der beiden NightShares-Fonds sei mit dem schwächeren Muster vereinbar, das sie nach 2020 gemessen hatten, auch wenn wahrscheinlich fondsspezifische Kosten ebenfalls eine Rolle gespielt hätten.
Ihre Erklärung folgt aus der ersten. In der letzten Stunde vor dem Schluss schwankte das Ungleichgewicht zwischen Verkäufern und Käufern von Tag zu Tag weniger als halb so stark wie zuvor. Deshalb mussten die Marktmacher zum Schluss weniger übernehmen und verdienten weniger daran. Die beiden anderen Größen, auf die ihre Erklärung hätte verweisen können, die vom Markt erwarteten Kursschwankungen und der Anteil des nachts abgewickelten Futures-Handels, waren in etwa gleich geblieben. Von den Größen, die sie messen konnten, hatte sich also nur das Ungleichgewicht zum Schluss stark verändert, und die Autoren bezeichnen diese Erklärung selbst noch als vorläufig.
Ihre Aktualisierung betrifft nur diese Stunde und nennt keine Zahl für die ganze Nacht; sie zeigt also nicht, dass die Rendite über Nacht verschwunden ist, und für SPY deutet eine andere Quelle darauf hin, dass sie es nicht ist. In den fünf Jahren bis März 2025 wuchs nach der Rechnung der Elm-Autoren ein nur über Nacht gehaltener Dollar auf 1,66 Dollar und ein nur tagsüber gehaltener auf 1,25 Dollar. Beide Befunde können zugleich stimmen, denn wenn eine Stunde des Futures-Handels nichts mehr abwirft, können die übrigen Stunden der Nacht weiterhin etwas einbringen, und für sie nennt die Aktualisierung keine Zahl. Bleibt die Frage, wer am Ende den Gewinn der Nacht behielt.
Wer den Gewinn behielt
Nur nachts investiert zu sein, zahlte sich in diesen Daten nicht aus, denn zu den damaligen Kosten, so wie die Quelle sie ansetzte, kostete das Handeln im Schnitt etwas mehr, als die Nacht einbrachte. Der Fonds, der es mit echtem Geld am S&P 500 versuchte, geriet zudem in ein Jahr, in dem nach Darstellung seiner Manager die Tage stark und die Nächte schwach waren. Der Gewinn ging stattdessen an den Anleger, der nie versuchte, die Nacht vom Tag zu trennen. Wer SPY die ganzen siebenundzwanzig Jahre hielt, kam auf weniger als die Nächte allein auf dem Papier, weil er auch jeden Handelstag mittrug; dafür zahlte er für keine zusätzlichen Trades und musste nicht raten, wie lange das Muster anhalten würde.
Fair ist der Vergleich nur innerhalb des jeweiligen Zeitraums. In denselben Jahren endete die Nachtstrategie unter ihrem Ausgangswert, sobald ihr Handel bezahlt war, während der Anleger, der einfach hielt, am Ende mehr als das Siebenfache seines Geldes besaß. In den elf Monaten des Fonds verlor der Fonds Geld, während der Index stieg. Keiner der beiden Vergleiche ist eine Prognose dafür, was die Nacht künftig einbringen wird.
Der Gewinn entstand in der Nacht; am billigsten kam man in diesen Daten aber an ihn, wenn man auch tagsüber investiert blieb.
Dieser Essay führt sechs Gruppen von Zahlen zusammen, jede mit ihrem eigenen Zeitraum: die Kursrendite von SPY von Januar 1993 bis Januar 2020 ohne Dividenden aus einer Analyse von SPDR Americas Research aus dem Jahr 2020; die realisierte Rendite des NightShares 500 ETF nach Gebühren aus seinem Jahresbericht an die SEC, 28. Juni 2022 bis 31. Mai 2023; stündliche Renditen der S&P-500-E-Mini-Futures von 1998 bis 2020 aus einem Staff Report der New Yorker Fed und die Aktualisierung ihrer Autoren für 2021 bis 2025; die Nacht- und Tagesrenditen einzelner Aktien und von SPY aus zwei Essays von Elm Wealth; und die Argumente von fünf Studien über mögliche Ursachen. Eigene Renditereihen haben wir nicht berechnet, weil wir keine tägliche Reihe von Eröffnungs- und Schlusskursen fanden, die wir weiterveröffentlichen dürfen; deshalb zeigt jede Abbildung ausgewiesene Endpunkte und keine Linien dazwischen.
Wie viel vom Rückstand des NightShares-Fonds auf die Kosten und wie viel auf die Umkehr zurückging, lassen wir offen, weil keine Quelle das trennt. Die Rendite des Fonds über seine gesamte Laufzeit fehlt, weil sie in den Unterlagen nicht steht. Die Rendite der ganzen Nacht nach 2020 fehlt, weil die Aktualisierung nur die einzelne Stunde betrifft. Welche Jahre das Arbeitspapier von 2008 abdeckt, sagen wir nicht, weil seine Zusammenfassung keine nennt und sich der Volltext nicht öffnen ließ. Kryptomärkte, die nie schließen, kommen nicht vor, weil wir keine Primärquelle dafür fanden, wie sich die Rendite dort auf Tag und Nacht verteilt, und weil unsere eigenen untertägigen Daten für diesen Zweck nicht geprüft sind. Tägliche Linien für SPY zeichnen wir nicht, weil wir keine Reihe fanden, die wir weiterveröffentlichen dürfen. Die Größe des Nachtabschlags in China nennen wir nicht, weil die einzige Schätzung, die wir fanden, keinen Zeitraum angibt. Der Schwesterfonds NSPL im Detail, ein zweiter AMC-Zeitraum und GameStop (Elm, 2025), eine Zahl für SPY über 30 Jahre aus einer anderen Quelle und mit einer anderen Renditeart sowie eine Studie über die Renditen von Handelsstrategien (Lou, Polk und Skouras, 2019) fehlen im Text, weil sie schon in diesen Notizen zur Methode stehen, die Geschichte nur wiederholen oder eine andere Frage beantworten.
Dieser Essay beschreibt vergangene Zeiträume, jeden ausdrücklich benannt, und ist weder Prognose noch Strategie noch Anlageberatung. Echtzeitdaten enthält er nicht.
Tradiens Research. (2026). Die Nachtschicht (Version 2.0). Tradiens Data Essays. https://tradiens.com/de/essays/night-shift
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